Kommentar von Dr. Ralph Mederake zu den aktuellen Ausbauvorhaben an der Leine:
Im September 2007 kam ein Planfeststellungentwurf wieder auf den Tisch, der 2005 nach Protesten des BUND, des Anglervereins und vieler Göttinger Bürger zurückgezogen worden war.
Zu 98 % im selben Kleid, denn weiterhin ist die Planung von dem Anliegen diktiert, ein mehr als "Jahrhundert-Hochwasser" schadensfrei durch Göttingen zu führen. Der Landschaftsschutz, die Erholung und selbst städtebauliche Aspekte bleiben weitgehend unbeachtet. Zwischen dem Sandweg und dem Tierheim soll die Leine weiter in ihrem naturfernen Trog eingezwängt bleiben. Im Einzelnen war geplant, im südlichen Bereich auf 1100 m Länge das Bett auszubaggern, auf ca. 500 m Hochwasserschutzmauern aus Fertigteilelementen zu errichten und auf 2,4 km Länge im nördlichen Bereich auf der rechten Uferseite des Leinebetts die Deiche um durchschnittlich 40 cm zu erhöhen.
In einer Pressekonferenz zusammen mit der Biologischen Schutzgemeinschaft Göttingen am 4.10.07 im GUNZ stellten wir klar, dass wir den Hochwasserschutz für die Göttinger Bürger ernst nehmen, aber einen auf rein technischen Maßnahmen basierten Hochwasserschutz ablehnen. Wir forderten die Stadt Göttingen eindringlich auf, alternative Konzepte, die einen vorsorgenden Hochwasserschutz durch die Schaffung von Überflutungsräume auf landwirtschaftlichen Flächen südlich von Göttingen zum Ziel haben, vorzulegen. Dazu müsste die Stadt Göttingen umgehend Gespräche mit den Gemeinden, dem Landkreis und den Ländern Niedersachsen und Thüringen aufnehmen und eine regionale Hochwasserkonferenz organisieren. Wir machten deutlich, dass die Planungen in der jetzigen Form gegen die europäische Wasserrahmenrichtlinie verstoßen, die ein Verschlechterungsverbot beinhalten.
Auf unsere Stellungnahmen und die jetzt öffentliche Diskussion hin kam etwas Bewegung in die Sache. Im Bauausschuss und schließlich auf dem Erörterungstermin zum Planfeststellungsverfahren am 6.12.07 gab die Verwaltung bekannt, dass die Ausbaggerung des Normalwasserbetts, die massiv in das Fließgewässerökosystem Leine mit den beiden nach europäischem Recht auf Grund der Flora-Fauna-Habitat-Richtlinie geschützten Arten Bachneunauge und Groppe eingegriffen hätte, nicht mehr vorgesehen sei. Zur Ausbaggerung fühlte sich die Stadt durch einen privatrechtlichen Vertrag mit der Firma Mahr gezwungen, durch den sich die Firma nach dem letzten Jahrhunderthochwasser 1981 einen besonders hohen Schutz von der Stadt garantieren ließ. Jetzt soll dieser Schutz mit anderen (noch nicht bekannten) Maßnahmen erreicht werden.
Das ist sicherlich ein Teilerfolg. Leider sollen alle anderen Maßnahmen wie geplant durchgeführt werden. Dazu gehören vor allem die Deicherhöhungen, die zum Absterben einer großen Zahl von Bäumen auf den erhöhten Deichkronen führen werden. Im LPB wird hier eine Zahl von bis zu 50 % genannt. Beim Erörterungstermin nahm Herr Hille vom ausführenden Landschaftspflegebüro diese Zahl zurück und sprach nur noch von wenigen Bäumen. Auch die Ausgleichsmaßnahmen halten wir weder für ausreichend im Hinblick auf den Eingriff, noch für zielführend. Statt einen Rübenacker im Bereich des Kiessees in Grünland zu überführen, sollten die Maßnahmen direkt an der Leine oder ihren Nachbargewässern vorgenommen werden. Dazu könnten der Bau einer Fischtreppe am Leinewehr oder die vom BUND vorgeschlagenen Revitalisierungsmaßnahmen am Unterlauf der Grone gehören. Die geplante Teil-Renaturierung der Flüthe begrüßen wir, halten aber das ökologische Potenzial des kanalisierten Rinnsals für gering.
Die bei der Planung neu vorgesehenen Gestaltungsmaßnahmen im Hochwassertrog im Bereich zwischen Eisenbahnbrücke und Godehardstraße sieht die BUND-Kreisgruppe sehr zwiespältig. Einerseits ist es zu begrüßen, wenn erstmals Bäume im Hochwasserbett zugelassen werden, nachdem bisher aufkommende Gehölze im Rahmen der „Gewässerunterhaltung“ sofort wieder akribisch beseitigt wurden. Die 50000 Euro für die 50 Hochstämme könnten aber sicherlich besser angelegt werden, denn fließgewässertypische Bäume könnte man am Rand des Normalwasserbetts in kurzer Zeit kostenlos haben. Einzeln stehende oder kleine Gruppen von Erlen, die auch regelmäßig gepflegt werden könnten, würden der Leine wieder Fließgewässercharakter geben.
Und hier sind wir wieder am Anfang angekommen: Nur technische - oder wie hier gärtnerische Maßnahmen - garantieren nach Ansicht der Planer und der Stadt die ausreichende Hochwassersicherheit. Dabei müsste eigentlich allen Beteiligten klar sein: In Anbetracht der Klimaveränderung ist in Zukunft mit noch höheren Hochwässern zu rechnen. Und Deicherhöhungen sind keine nachhaltige Strategie im Hochwasserschutz. Isolierte Lösungen wie im Stadtdurchgang Göttingen helfen nicht weiter. Die BUND-Kreisgruppe wird weiter für ein regionales naturnahes Hochwasserschutzkonzept kämpfen, das auf die Schaffung von ausreichend großen Retentionsräumen setzt.